sagte eine Teilnehmerin in einem Retreat, an dem ich in diesem Frühjahr teilgenommen habe. Sie bezog sich auf ein intensives Ereignis aus der Vergangenheit, aus dem diese Erkenntnis entstanden ist. Ihr Satz hat bei mir Eindruck hinterlassen. Bereits in dem Moment, wo sie ihn ausgesprochen hat. Tief in mir fühlte ich ein “Ja.” Ja, das stimmt. So ist es. Ja.

Ja, ich darf mich dem Anderen/der Anderen zumuten mit meinen Emotionen. Lachend herausplatzen, auch wenn es womöglich unangebracht ist. Oder der Andere den eigenen Humor gerade gar nicht teilen kann.

Ja, auch auf der Straße weinen, im engen Bus oder beim Kindergartenabschlussfest umringt von 150 Eltern. Auch dann, wenn der Sohn mich dringlichst darum bittet aufzuhören, sonst könne er auch nicht aufhören. Das brachte mich schon wieder zum Lachen…

Weinen und nichts erklären müssen.

Ja, ich darf unsicher sein. Suchend. Manchmal gar keine Ahnung haben, wie es weitergehen wird. Keinen blassen Schimmer.

Ja, ich darf mich dem Bauarbeiter zumuten, der mich anschnauzt, weil ich mich nicht traue mit meinem kleinen Auto an einer Baustelle vorbeizufahren. Die Durchfahrt sah halt sehr eng aus. Ja, und diesem wütenden Bauarbeiter auf der Straße meine Sicht der Dinge ins Gesicht schleudern mit dem vermutlich unangebracht dramatischen Satz “Ich bin auch nur ein Mensch!” endend davonbrausen und die leichte Scham, die aufkommt, mitsamt den Tränen, die da kommen wollen, aus dem Autofenster fliegen lassen.

Ja, ich darf auch schön in alte, bequeme, vertraute Muster stiefeln. Das geht wie viele von uns wissen, besonders gut bei Familienangelegenheiten. Diese Muster sind extrem bequem und sitzen immer gut. Furchtbar anstrengend. Aber hej, nein, ich schaffe es gerade mal wieder nicht besser. Wieder reingestapft! Zielgenau. Macht nichts.

Das heißt nicht, dass wir uns nicht weiterentwickeln wollen oder dürfen. Veränderung ist wunderbar und wichtig und sehr oft möglich. Manche Dinge brauchen viel Geduld und Zeit. Manches muss aber auch manchmal einfach liegenbleiben. Und es ist so wohltuend dem allgemeinen Selbstoptimierungsdruck ein großes, breites, leuchtendes STOP-Schild entgegenzuhalten. Und das regelmäßig.

Ja, mal ungeduldig sein. Oder zu geduldig. Schlecht gelaunt. Unhöflich. Zu spät kommen. Anders sein. Zu sensibel. Oder zu unsensibel. Zu laut. Zu leise. Zu lange reden. Oder zu kurz. Aus der Norm fallen. Die eigenen Werte suchen.

Ich darf mich dem Anderen zumuten. Ich darf ich sein.

Foto: Cristian Newman on Unsplash

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