Es ist der erste Tag vom zweiten Lockdown und mein Herz ist schwer. Auch mein Kopf, mein Gehirn und was sonst alles noch schwer sein kann. Ich wache mit einem dumpfen Gefühl auf und bin, trotz kurzem Besuch auf meiner Yogamatte, beim Frühstück zubereiten angespannt und leicht gereizt. Manchmal gibt es Verspannungen, die legen sich wie ein Panzer um die Schultern oder den Nacken oder beherbergen den ganzen Rücken. Die Anspannung, die ich seit einer Woche verspüre scheint den Körper wie von innen auszukleiden bzw. auszuhärten. Ich werde den Kleinsten heute direkt an der Tür vom Kindergarten abliefern müssen, die beiden Großen dem Home-Schooling zuhause überlassen und ins Pflegewohnhaus radeln, um mich dort in Schutzkleidung und FFP2 Maske zu begeben. Mensch! Was sind das für Zeiten. So lang sind diese Zeiten nun schon, dass auch der allerletzte Optimismus aufgebraucht scheint. Auch der letzte Sonnenschein vom Dienst wird automatisch in Pension geschickt. Die Stimmung ist furchtbar.

In der Umkleide vom Pflegewohnhaus treffe ich eine Ärztin, äußere meinen Unmut und meine Erschöpfung. Verständnisvolle Worte und Trost. Ach, wie gut! Beim morgendlichen Temperatur messen und der Covid-Symptomatik-Abfrage tausche ich mich mit einer weiteren Therapeutin aus. Wir scherzen über alle anderen Symptome, die wir verspüren. Meine Stirnfransen mache ich für diese Temperaturmessung bei der Ankunft im Pflegewohnhaus seit einigen Wochen mit einer Haarklammer beiseite. Mehrmals sorgten sie dafür, dass das Fieberthermometer Alarm schlug. Zweimal musste ich deswegen nach Hause gehen. Nun schlägt das Thermometer nicht mehr aus. Und ich infolgedessen auch nicht.

Ich schenke mir Zeit, um mich auf den neuesten Stand im Haus zu bringen. Neue Corona-Fälle? Irgendwelche Stationen gesperrt? Neue Verordnungen? Alles klar, die Luft ist – mehr oder weniger – rein. Ich rolle auf die erste Station mit dem Musiktherapie-Speisewagen, angefüllt mit einigen Instrumenten und einem Musikabspielgerät. Zu einer älteren Dame. Ich nenne sie hier Frau Z. Sie vergisst vieles, aber mich erkennt sie inzwischen. Dass wir zusammen Musiktherapie machen, ist zwar auch nach einem halben Jahr jedes Mal wieder überraschend für sie, aber sie verbindet Gutes mit mir. Das macht die Arbeit leichter.

In jungen Jahren hat Frau Z. viel getanzt. Sehr viel. Mit der Mutter, mit dem Vater. Sie ist eine kräftige, relativ große Frau, mit einer energischen Stimme. Und mit viel Phantasie. Häufig ist der Redebedarf groß und ausschweifend. Die Inhalte drehen sich allerdings in denselben Bahnen und wiederholen sich hartnäckig. Frau Z. schwelgt die meiste Zeit in Erinnerungen. In schönen und dumpfen. Die Orientierung fällt schwer. Wenn wir auf den Instrumenten gemeinsam Musik machen, wird sie wach. Ihr Blick ist präsent und lebendig. Es macht ihr Freude. Doch zu tanzen, den Körper rhythmisch zu bewegen, weckt alle Geister in ihr.

Heute habe ich es endlich geschafft eine Musik, einen Twist mitzubringen, den sie vor langer Zeit mal erwähnt hat. Ich setze die FFP2 Maske und die Schutzbrille auf, desinfiziere auf der Station meine Hände, schlüpfe in die Handschuhe, binde mir die Schutzschürze um und schlurfe mit diesem Mondweibchen-Gefühl zu Frau Z. Gemeinsam in ihrem Zimmer angelangt, kündige ich den Twist an. Wir starten die Musik und legen los:

 

 

Was für eine Freude! Wir tanzen. Draußen hat der Lockdown begonnen. Doch wir tanzen. Wir schauen uns an und grinsen.

Ich muss den Abstand von über 2 Metern zur Bewohnerin einhalten, damit ich ohne die Schutzbrille tanzen kann. Denn diese würde unerbittlich beschlagen und nicht mal der so wichtige Blickkontakt wäre mehr möglich. Ich tanze also auf großen Abstand. Egal – ich tanze weiter. Juhu! Das Leben ist wunderbar.

Gekonnt wirble ich meine Schutzschürze in der Luft. Was für ein Glück! Wir lachen.

Mir wird heiß unter der FFP2 Maske…..aber yeah, die Energie fließt durch meinen ganzen restlichen Körper…. Frau Z.’s Augen leuchten, sie tanzt wie in jungen Jahren. Die Musik endet und unsere gemeinsame Freude ist groß.

Dieser Moment trägt mich durch den ganzen Tag. Ich höre den Song mit dem Kleinsten im Auto, nachdem ich ihn vom Kindergarten abgeholt habe. Ich höre ihn später mit den Großen in der Küche beim Abendessen zubereiten und immer wieder spüre ich das große Glück dieses Moments im Pflegewohnhaus.

Die Verbindung zu Frau Z. in dem Augenblick.

Das Antanzen gegen den persönlich gefühlten, schweren, inneren Lockdown.

Die große Nähe zu Frau Z. trotz all der physischen Schutzmaßnahmen.

Das Glück des Moments.

Die Flüchtigkeit der Schwere und der Enge.

Let’s twist again, ihr Lieben!

 

Foto: Todd Cravens on Unsplash